Samstag, 25. Januar 2014

Ralfs Stunde

So, nun ist es passiert! Jetzt konnte ich Ralf mal so vorführen, wie er sonst immer mich! Mit Totus Hilfe. Rache ist Blutwurst!
Du kennst ja Ralf, meinen Schulkollegen, der mich peinigt, wo er nur kann. Seit ich meine Entspannungsübungen habe, kann ich mit ihm viel besser fertig werden, das heißt, ich ärgere mich nicht mehr so sehr über seine Gemeinheiten. Ganz kalt lässt er mich natürlich trotzdem nicht.
Es war vorgestern in der Geographiestunde. Ich sitze immer noch allein in einer Bank und plötzlich saß Totu neben mir. Diesmal bin ich nicht – so wie bei Makis Besuch vor langer Zeit – von der Bank gefallen vor Schreck, hab auch nix gerufen, weil ich so überrascht war, kurz, es hat niemand gemerkt.
„Totu“, denke ich, „das ist ja nett, dass du mich besuchst!“
Auf der Erde kann außer mir niemand meine quomaianischen Freunde sehen oder hören. Und weil sie meine Gedanken lesen, kann ich mich mit ihnen unterhalten und keiner merkt etwas.
„Hallo Petera, ichi dachte, ichi schau mala bei dira vorbei!“
Was hat die Lehrerin gesagt? Jetzt habe ich kurz nicht aufgepasst. Wie war das? Rotalgen, die durch die Verschmutzung im Wasser entstehen? In welchem See in Österreich war das vor ganz vielen Jahren?
„Haha! Weil der Peter vorher drinnen geschwommen ist“, ätzt Ralf, mein Erzfeind.
„Haha, so lustig“, denke ich. Sagen tu ich nix, das bringt sowieso nichts.
Was macht Totu? Er geht rasch zu Ralf hin und schubst sein Schüttelpennal vom Tisch! Alle Stifte rollen raus und verteilen sich über den Boden!
„He!“, schreit Ralf, „was soll das?“
„Ja genau, Ralf“, schaltet sich die Lehrerin, Frau Huber, ein, „was soll das?“
„Ich war das nicht!“
„Wer denn sonst?“, will die Lehrerin wissen.
Da dreht sich der Ralf doch glatt zu mir um und sagt: „Das war sicher der Peter!“
Ich darauf: „Ja genau, weil ich ja nicht drei Reihen weg von dir sitze!“
„Seid sofort still ihr beiden und Ralf, spar dir deine Faxen!“
„Ich war das nicht“, mault Ralf nochmals, während er seine Stifte aufhebt.
Die Lehrerin glaubt ihm nicht.
„Ruhe jetzt!“, schnaubt sie ärgerlich.
Ich kann mein Grinsen nur schwer unterdrücken.
„Hast du Besuch?“, haucht mir Susanne zu.
Sie sitzt in der Reihe vor mir. Schlaues Mädchen. Ich nicke unmerklich.
„Das zahl ich dir heim!“, zischt Ralf dann in meine Richtung.
Ich werfe ihm einen wie-soll-ich-denn-das-gemacht-haben-du-Blödmann-Blick zu. Da – patsch! Schon wieder landet das Pennal am Boden! Wieder kullern die Stifte in alle Richtungen davon. Totu grinst von einem Ohr zum anderen und setzt sich wieder neben mich.
„Peter, du Ar$(#!“
„Ruhe jetzt, Ralf!“ Frau Huber ist nun echt wütend und knallt mit der Hand auf das Lehrerpult. „Lass Peter aus dem Spiel, der ist mehr als zwei Meter weg von deinem Schreibtisch! Zum letzten Mal, hör mit deinen Faxen auf, sonst hat es Konsequenzen für dich! Und spar dir deine Kraftausdrücke!“
Die Klasse, die vorher noch gekichert und getuschelt hat, ist nun mucksmäuschenstill.
„Oh je, haba ichi vielleichti wasa Schlimmes gemachta?“, fragt Totu und macht große Augen.
„Nein, nein, lieber Freund“, denke ich, „das passt perfekt, das geschieht ihm ganz recht!“
Jaaa! Das ist jetzt die Rache für die Gemeinheiten, die ich all die Jahre von Ralf erdulden musste!
„Neini, Petera, Rache ist niemals guti!“, ruft Totu. „Dasi machta deina Herz böse!“
„Wolltest du mich denn nicht rächen, Totu?“, denke ich.
„Neini“, erwidert mein Freund, „icha wollte nur, dass er aufhörti, gemein zu dira zu sein. Obwohl“, setzt er fort, „es nichta richtig isti, seine eigene Überlegenheita auszuspielen.“
„Überlegenheit?“
„Na, weil era michi ja nichta sehen kanni.“
„Ach Totu, jetzt sei doch kein Moralapostel!“
Ralf hat mich so viele Jahre sekkiert, da gehört ihm so ein Denkzettel schon mal! Und geschimpft – wenn man es genau betrachtet – hat Frau Huber mit ihm nicht, weil die Stifte runtergefallen sind, sondern weil er mich dafür verantwortlich gemacht hat. Daher ist er eigentlich selbst schuld, der Blödmann.
„So geseheni hast du Rechti“, bestätigt Totu. Er liest meine Gedanken, auch wenn ich sie nicht direkt an ihn richte.
„Und lustig war es auch“, denke ich grinsend.
„Ja, knaknakna, das wari sehr lustiga“, bestätigt Totu, grinst breit und – ist verschwunden!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen