Dienstag, 29. Juli 2014

Diese Feier war nicht lustig

Leider komme ich in letzter Zeit recht selten dazu, die Erlebnisse mit meinen Freunden aufzuschreiben. Das tut mir leid. Was ich dir heute erzählen will, liegt auch schon wieder zwei Monate zurück.
Ich bin eines Nachts wieder zu meinen Freunden gereist. Angekommen bin ich mitten in Walas und Totus Küche. Sie ist total schön dekoriert, Blumen überall, auf dem Tisch, auf den Schränken, sogar an der Wand. Und der Tisch biegt sich fast unter den quomaianischen Köstlichkeiten! Schmatz, mir läuft gleich das Wasser im Mund zusammen!
Alle vier Freunde sind da, Maki und Tara auch. Und dann noch so ungefähr fünfzehn andere Quomaianer, die ich noch nicht kenne.
Ich, nachdem ich meine vier Freunde umarmt habe, voll Freude: „Hey, es gibt Party! Wer hat denn Geburtstag?“
Jeder Quomai gibt mir die Hand, lächelt mich an, nennt mich „Retter“ oder „Held“ oder etwas in der Art und freut sich, mich zu sehen. Ich freu mich natürlich darüber, es ist mir aber auch ein bisschen peinlich.
Der letzte Quomai, der mich begrüßt, hat einen Blumenkranz am Kopf.
„Dchu bist chalso dcher bcherühmte Pcheter, dcher Chretter unseres Plchaneten! Ich fchreue mich chaußerordentlich, dich noch kchennenzulernen!“
„Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen!“
„Mchein Chname ist Chratu. Ich sage dchir mcheinen vchollständigen Nchamen nchicht, Wchala chat mchir erzchält, ihr chabt kcheine so chlangen Nchamen auf dcheinem Cheimatplaneten!“
„Ja, danke, Ratu, ich kann mir eure langen Namen leider nicht merken. Du bist das Geburtstagskind! Woher kennst du meine Freunde?“
Wala antwortet für ihn: „RRattu istt mmmeinnn Mmutterrmmutterrbbrutterr.“
Der Mutter-mutter-bruder – also Walas Großonkel. Und seinen Akzent finde ich witzig! Jeder Quomai hat einen ganz eigenen Akzent, das gefällt mir immer wieder.
„Undh“, sagt nun Tara, „esh ist kheine Gheburtsthagsfheier.“
„Oh! Schade! Was feiert ihr denn dann?“
Während unseres Gesprächs haben wir uns alle um den Tisch gesetzt und beginnen, die Köstlichkeiten zu verspeisen. Brote mit Aufstrichen in allen Farben, kleine Törtchen, einzigartiges Obst, das ich noch nie gesehen habe, rund, oval, länglich, von giftgrün über schrill gelb bis zu dunkelorange, gezackt, stachelig, mit glatter Haut, mit schrumpeliger Haut, und so weiter! Da geh'n mir echt die Augen über!
Ein paar Teller enthalten Fleischbällchen. Ich hoffe, dass es nicht das kleine Krmrz… mah, ich krieg das auf Anhieb nie hin … das kleine Kmrzrnrtati, das quomaianische Kälbchen ist, das mir Wala vor über einem Jahr gezeigt hat, als es grad kurz vorher geboren worden ist!
Wie ich schon bei vielen gemeinsamen Essen auf diesem Planeten beobachtet habe, bietet jeder Quomai zuerst seinen Nachbarn links und rechts an, bevor er selbst zugreift. Auch ich mache das so.
„Wirr feierrrn RRattus Abbschiett“, erklärt Wala.
„Abschied, ach so! Wohin gehst du denn, Ratu?“, sage ich mit vollem Mund.
„Ichch wcheiß echs nchicht. Dchas wcheiß nchiemand.“
„Wie, das verstehe ich nicht. Und wie lange wirst du weg sein?“
„Fchür chimmer, Pcheter.“
„Oh, ach so?“ Ich bin ein bisschen verwirrt. „Und wieso weißt du nicht, wohin du gehen wirst?“ Mmmh! Die grünen, stacheligen Früchte schmecken besonders gut! Die Stacheln sind ganz weich, man kann sie auch essen.
„Aufi dera Erde“, schaltet sich nun mein Freund Totu ein, „sagt ihra dazu, dassi man stirbta.“
„Wie bitte? Stirbt?“ Meine Hand, die sich grad noch eins von den Broten holen will, zuckt zurück. „Aber wie ist das … das tut mir … das ist ja … oh du meine Güte! Das ist ja schrecklich traurig!“ Ich krieg keinen richtigen Satz raus. Was werden mich meine Freunde für einen unsensiblen Vollpfosten halten! Ich mache einen auf lustig, dabei ist das ja ein total, total trauriger Anlass.
Viele Fragen schwirren wie aufgeschreckte Vögel durch meinen Kopf!
„Wieso wisst ihr, wann ihr sterbt? Wohin geht ihr genau, das müsst ihr ja wissen, sonst kommt ihr da ja nicht hin? Seid ihr böse auf mich, weil ich mich so danebenbenommen habe? Und wieso seid ihr alle nicht ganz, ganz traurig? Oder seid ihr es eh?“ Die letzten beiden Fragen stelle ich, weil die Quomaianer allesamt keinen unglücklichen Eindruck machen, sondern fröhlich miteinander plaudern und manchmal sogar lachen.
„Wieso wir wissen wissen, wann wir wann wir sterben, wissen wir nicht“, antwortet Maki.
„Knaknakna! Nichta wissen, wieso wira wissena! Du bista lustig, Maki. Abera du findest dasi vielleicht nichta so lustiga, Peter, entaschuldige, bitte. Wira spüren es einfachi“, sagt Totu.
„Ich chweiß nicht, wchohin ich gehen mchuss“, sagt Ratu, „ich gchehe einfchach lchos, wchohin mchich mcheine Gchedanken chleiten. Irgchendwo in Rchichtung Sandwüste, dchort bcheginnt für chjeden dcher Chweg.“
„Undh whir sind nhicht thraurig, lhieber Pheter“, erklärt Tara. „Whir habhen ja nhoch die Mhöglichkeit, unsh vhon unsheren Lhieben zu vherabschieden. Undh dhas Sterbhen gehört einfhach zhum Lheben.“
„Und nniemmmandd istt ppösse auff dich, lieberr Peterr“, fügt Wala noch an.
Ich weiß, dass meine Freunde nicht herzlos sind, oh nein, ganz im Gegenteil! Diese Gelassenheit gegenüber dem Sterben kann ich aber nicht teilen. Nicht mal Ratu selbst ist nervös oder traurig oder so, er lächelt die ganze Zeit, ich verstehe das nicht.
Ich hingegen bin nun wahnsinnig traurig und mein Herz klopft viel schneller als normalerweise. Wie kann es sein, dass Ratu heute noch hier mit uns sitzt und quatscht und morgen einfach nicht mehr da ist? Und wenn sie alle in die Wüste gehen, müssten da nicht lauter … nein, nicht denken, nicht Skelette denken! Oh, verflixt, wie denkt man etwas nicht?
„Knaknaknakna, du bisti lustig, Petera! Auchi wenn du es vielleichti nichti so meinst!“
Oh je, Totu, hat meine Gedanken gelesen! Und alle anderen Quomaianer bestimmt auch. Megapeinlich!
„Nachdem wir nachdem wir gegangen sind sind, bleibt nichts mehr nichts mehr von uns zurück“, erklärt Maki.
„Außher nathürlich die Erinnerung“, sagt Tara, „die lhebt in unsheren Familien undh Freunden weiter.“
„Fürr immmerr“, bekräftigt Wala.
Dann ist das Essen beendet, alle Quomaianer stellen sich in einer Reihe auf. Ich stelle mich dazu. Ratu geht von einem zum anderen, umarmt ihn und sie wechseln noch ein paar Worte. Immer noch schaut niemand traurig aus, ganz im Gegenteil, manchmal lachen und scherzen sie sogar miteinander. Ich verstehe das nicht. Mir rinnen nun die Tränen über das Gesicht, es tut mir leid, ich kann nicht anders. Da helfen auch keine Entspannungsübungen. Ich probier’s erst gar nicht.
Dann kommt Ratu zu mir.
„Lcheb wchohl, Pcheter, so schchön, dchass ichch dchich pchersönlich kchennen gchelernt chabe!“
Ich bringe kein Wort heraus, umarme Ratu nur. Dann muss ich doch noch etwas los werden: „Es tut mir leid, dass ich deine Party … also deine Feier … dass ich sie kaputt gemacht habe!“
„Pcheter, dchu wcharst dcher Chehrengast, dchu chast nichts kchaputt gchemacht! Lcheb wchohl, lchieber Fchreund! Und sei nicht so tchraurig!“
Nun, der letzte Ratschlag bewirkt leider das Gegenteil.
Kurz darauf gehen alle Quomaianer nach Hause, ich bleibe mit meinen Freunden Maki, Totu, Tara und Wala zurück. Auch sie versichern mir, dass ich die Feier nicht kaputt gemacht habe, dass sich alle gefreut haben, mich zu sehen und ganz besonders Ratu.
„Ich weiß, dass bei euch alles anders ist“, beginne ich, „trotzdem … “ Dann muss ich wieder weinen.

„Peter was ist los, warum weinst du denn so?“ Mama sitzt plötzlich neben mir. Sie umarmt mich. Ich bin wieder in meinem Bett. Ich bringe kein Wort heraus, weine nur heftig an ihrer Brust.
„Ich habe vom Sterben geträumt“, sage ich dann. „Jemand hat gewusst, dass er sterben muss und es hat vorher noch eine lustige Feier für seine Freunde gegeben, dann hat er sich von allen verabschiedet und ist einfach zur Tür hinausgegangen.“
Über meine quomaianischen Freunde habe ich Mama noch nie erzählt und das ist auch jetzt nicht nötig.
„Ist das denn kein beruhigender, tröstlicher Gedanke“, fragt sie, „wenn man nicht so unvermutet aus dem Leben gerissen wird? Denk doch an Herrn Swoboda von gegenüber. Einfach Autounfall und vorbei. Das muss für seine Familie doch ganz schrecklich sein.“
„Wenn man weiß, dass man gehen muss, kann man noch einiges erledigen“, sagt Mama. „Zum Beispiel eine fröhliche Feier veranstalten, damit die Freunde nicht traurig sind. Oder haben in deinem Traum alle geweint?“
„Nein, nur ich. Sie haben miteinander gelacht und gescherzt. Und zum Schluss hat ein jeder den, der sterben musste, in den Arm genommen.“
„Deine Traumfiguren sind mir sympathisch.“
Mama lächelt mich aufmunternd an. Trotzdem. Ein beruhigender Gedanke? Tröstlich? Ich weiß nicht. Wie siehst du das?
„Denkst du noch oft an die Uroma?“, frage ich sie schließlich.
„Mindestens jede Woche.“
„Erzählst du mir von ihr?“
„Komm, steh auf, Peter, wir reden beim Frühstück über sie.“

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