Sonntag, 14. September 2014

Eine Nacht auf Taa-Nrum L-6-4

Kürzlich bin ich wieder zu meinen Freunden gereist. Das passiert immer nachts, weil ich am Tag ja nicht schlafe. :-)
Doch diesmal war es auch auf Taa-Nrum L-6-4 Nacht! Wow, das war das erste Mal. Angekommen bin ich auf Walas und Totus Bauernhof. Ich bin total begeistert, als ich zum Himmel sehe! Durch die Großstadt, in der ich wohne, sehe ich Sterne nicht so gut, nur wenn ich bei meinen Großeltern im Salzkammergut bin, da ist es anders. Einmal sind wir zu Silvester auf den „Jainzen“ gegangen, das ist ein kleiner Berg in Bad Ischl, den Nachthimmel von dort oben werde ich nie vergessen. Aber der Himmel hier ist unvergleichlich! So viele Sterne auf einmal habe ich mein Leben noch nie gesehen!
Wahrscheinlich habe ich fünf Minuten mit offenem Mund nur nach oben geschaut, bis ich drauf gekommen bin, dass ich meine Freunde vielleicht mal begrüßen sollte! Dann schnappen mich die beiden und laufen zu Tara und Maki. Du weißt, dass meine Freunde enorm schnell laufen können und mich dabei immer in die Mitte nehmen, hoch heben und los geht’s.
„Heute gibta esi Grillen bei Maki undi Tara“, hat Totu nach der Begrüßung gesagt. Da bin ich gespannt!
 
Nach einer geschätzten Minute sind wir da, ich begrüße meine beiden Freunde.
„Khomm, Phether“, sagt Tara, während sie zwei dicke Fackeln anzündet und mir eine davon gibt.
Wir gehen ins Haus, Maki und Totu bereiten einstweilen die Feuerstelle vor, Wala packt die beiden Beutel aus, die sie und Totu mitgebracht haben.
Auf dem Planeten meiner Freunde gibt es keine bombastischen Villen so wie auf der Erde, oder gar Hochhäuser, jedes Haus ist einstöckig und einfach so, wie es zum Leben nötig ist. Tara führt mich herum, im Haus sehe ich ein Zimmer, das Tisch, Sesseln, eine Bank und ein paar Kästen enthält, dann gibt es ein ganz kleines Schlafzimmer, da stehen nur zwei Betten, weiters das Bad, ein Klo und fertig. Das Klo ist ein Plumps-Klo mit einem Wasserkübel daneben, es gibt keinen Strom auf dem Planeten meiner Freunde und, wie du dir denken kannst, ist im Bad auch keine Wanne mit Fließwasser, allerdings gibt es so was wie eine Dusche, das haben die Quomaianer ganz toll gemacht! Es ist im Eck des Raums eine Mauer hochgezogen, oben steht ein mit Seilen befestigter Wasserbottich, der auf einer Seite viele kleine Löcher hat. Ich glaube, der Bottich ist aus den Makatokasträuchern gemacht, du kannst dich sicher an die brettartigen Pflanzen erinnern. Jedenfalls kann man ihn mithilfe der Seile kippen, sodass das Wasser aus den Löchern rinnt. Nicht in so feinen Strahlen, wie unsere Duschen auf der Erde, das nicht, aber trotzdem war ich total, total begeistert, als ich dieses Konstrukt das erste Mal gesehen habe! Das Wasser zum Duschen und für's Klo muss man von einem Bach oder Fluss holen, das ist halt nicht so komfortabel. Trotzdem würde ich auf jede Annehmlichkeit der Erde sofort verzichten, wenn die Menschen alle so wären wie die Quomaianer!
Gekocht und gegessen wird meist im Freien, nur wenn es regnet, hält man sich im Haus auf. Auch der Bauernhof von Wala und Totu ist so angelegt wie das Haus von Maki und Tara, bloß haben sie noch einen Schuppen für ihre Rechen und Schaufeln und Ackergeräte und was man halt sonst noch braucht auf einem Hof. Einen Stall für die Tiere gibt es nicht, die sind Jahr und Tag im Freien, weil’s auf Taa-Nrum L-6-4 keinen Winter gibt. Das meiste Leben meiner Freunde spielt sich draußen ab.
 
Eines gibt es in Taras Haus, das überrascht mich echt! Es stehen ein paar Schüsserln herum mit Krimskrams, das wär’ noch nicht ungewöhnlich, aber die Schüsserln sind alle aus Gold!
„Wahnsinn, Tara, seid ihr so reich, dass ihr euch Gold leisten könnt?“, wundere ich mich. Ich dachte, auf Taa-Nrum L-6-4 sind alle gleich?
„Whas isth rheich“, will meine Freundin wissen.
Für manche Wörter gibt es keine Entsprechung im Quomaianischen.
„Reich heißt, dass man viel Wertvolles, Teures besitzt“, versuche ich zu erklären.
„Dhann sind whir sehr rheich, lhieber Phether“, sagt Tara und lächelt, „whir habenh guthe Fhreundhe, die unsh lieb undh teuer sindh undh whir shind rheich an Erfhahrung und schönen Erhinnerungen.“
Da muss ich auch lächeln.
„Nein, Tara“, antworte ich, „das habe ich nicht gemeint, ich hab das Gold gemeint, das Material, aus dem eure Schüsserln sind, das ist auf der Erde sehr, sehr viel wert, das kann sich nur jemand leisten, der viel Geld hat, also ich meine, ganz viele Dinge zum Eintauschen.“
Es gibt auf Taa-Nrum L-6-4 kein Geld, hier wird nur getauscht.
„Ach nhein, dhas ist bei unsh nicht so, hier hath esh keinen beshonderen Whert. Wir bhrauchen esh nhicht, ehs schaut einfhach schönh aus,  Phether.“
Und auf dem Planeten meiner Freunde wird zur Gewinnung des Goldes sicher niemand ausgebeutet oder muss unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, wie auf der Erde. Ich hab da mal eine Reportage gesehen, die war echt erschütternd!
„Nhein, Phether“, sagt Tara,  die meine Gedanken gelesen hat, „unshere Männher machen das nur eihn phaar Whochen lhang, esh ist schonh recht anstrhengend. Undh das mhacht jeder nur, whenn er Lusth hat. Wie gehsagt, whir bhrauchen das Ghold nichth. Maki hath dhie Schüssehln vor einigher Zeith bekhommen.“
Maki wird für seine Arbeit als Bürgermeister auch nicht in Geld bezahlt, sondern in Naturalien, direkt von den Einwohnern seiner Stadt. Jeder gibt das, was er sich eben leisten kann. Und Maki teilt das dann mit seinen Mitarbeitern im Stadtamt, wie Totu zum Beispiel.
 
Als wir wieder hinausgehen, flackert bereits ein nettes Feuer. Das Essen wird wohl noch eine Zeit lang dauern, zuerst müssen die Flammen runterbrennen. Am Tisch vor dem Haus sind einige Köstlichkeiten bereitet, die in Totus und Walas Beuteln waren. Mehrere lange Stäbe lehnen am Tisch, um Fleisch oder Würstchen darauf zu spießen. Tara und ich haben weiteres Essen vom Haus ins Freie mitgenommen. Dann setzen wir uns auf den Boden, um das Feuer herum.
 
Wir sitzen alle zunächst ganz still da und schauen in die Flammen. Die Geräusche in der Nacht sind vollkommen  anders als am Tag! Auf der Erde kann man in einer lauen Sommernacht Grillen hören, also am Land zumindest. Hier auf dem Planeten meiner Freunde höre ich faszinierende Laute von Tieren, die fast ein bisschen wie atonale Musik klingen, ganz eigenartig, aber echt toll!
In der Luft schweben kleine, leuchtende Fäden nach oben, zuerst glaube ich, dass das vom Feuer kommt, aber nein, diese Fäden schweben überall!
„Dasss ssinnttt Mahalllasss“, sagt Wala, die meine Gedanken gelesen hat.
Mahallas?
„Esa sindi Käfer“, erklärt Totu, „die siehsti du nur in dera Nachti.“
Mah, liab, wie unsere Glühwürmchen!
„Wenn zwei zwei zusammen nach oben schweben, dann darfst dann darfst du dir etwas wünschen, Peter, das bringt bringt Glück“, sagt mein Freund Maki.
„Gut, Maki, dann werde ich ganz genau aufpassen!“
Ich schaue wieder zum Himmel, er ist einfach so einzigartig schön! Ob einer dieser funkelnden Punkte meine Sonne ist? Ein Stern leuchtet ganz besonders kräftig.
„Dhas isth khein Stern, Phether, dhas isth dher nächste Phlanet“, erklärt Tara, „auch whenn dhu dhas vhiellheicht nhicht glaubst.“
„Doch, Tara, natürlich glaube ich dir! Auch am Erdenhimmel kann man Planeten leuchten sehen, die Venus zum Beispiel, unseren nächsten Nachbarn. Habt ihr hier auch Sternbilder?“
„Was ist mit Sternbildern, mein Schatz?“
 
Oh! Nein! Ich bin aufgewacht! Mama steht an meinem Bett.
„Steh auf, Peter, es ist Zeit“, sagt sie und geht hinaus.
Ach, schade, wieso muss ich vor dem Essen aufwachen? Hätte die Nacht nicht noch ein bisschen länger dauern können?